Linie
Von Punkt zu Punkt

 

Verlaufen? Nicht schlimm! In Erfurt beweisen zwei Wissenschaftler: Seitenwege sind oft interessanter. Genauso abwechslungsreich sind die Lebenslinien einer Jenaer Museumsdirektorin oder die extravagante Linienführung eines Apoldaer Modelabels. Eine Punktlandung war die Gründung des Bauhauses in Weimar vor 100 Jahren. Von seinen modernen Ideen profitiert seitdem nicht nur die Impulsregion, sondern die ganze Welt!

Interview

Design der
asymmetrischen Linien

Fragen an Katrin Sergejew / Diplom-Modedesignerin und Gründerin des Modelabels kaseee [design & art]

Ihre Entwürfe sind genauso kreativ wie das Label selbst. Was steckt hinter dem Namenszug, der sich aus Ihrem Namen KAtrin SErgEjEw ableitet?

Die Kreativität einer Kollektion erwächst immer wieder neu aus der jeweiligen Gefühlssituation, zuerst malerisch in Skizzen und Zeichnungen, dann in Mode umgesetzt. Dabei ist Asymmetrie meine Handschrift, denn sie erzeugt Spannung! Es gibt aber auch immer wieder Ruhepole in der jeweiligen Kollektion.

Von Apolda in die Welt: Berlin, Paris oder Zürich, um nur einige Orte zu nennen, die Ihre Teilnahme an Fashion-Shows markieren. Aber Dreh- und Angelpunkt des Unter­nehmens ist und bleibt Apolda in Thüringen. Ganz bewusst, weil …

… Thüringen meine Heimat ist. Ich bin in Jena geboren, habe aber für meine Arbeit tolle große Werkstatträume in Apolda gefunden. Hier nutze ich das lokale Potential, habe einen zentralen Ausgangspunkt, um schnell in Erfurt oder Berlin zu sein und genieße das Stadtflair mit Landgefühl.

Mit Mode auf Lebensumstände und individuelle Bedürfnisse zu reagieren, gehört zu den revo­lu­­­tionären Ansätzen des Bauhauses. Inwiefern ist dies auch ein Teil Ihrer Arbeitsphilosophie?

Die kaseee-Kollektion ist sehr flexibel, sie lässt sich an den jeweiligen Lebensstil anpassen sowie an die individuellen Bedürfnisse des Trägers. Außerdem ist sie hochfunktional, dabei bequem und sportlich-elegant. Alle Lederjacken besitzen beispielsweise eine Wendefunktion. Auch der Bauhaus-Ansatz vom Materialmix ist in unseren Modeideen zu finden, bis hin zu Veredlung durch individuellen Siebdruck.

Veranstaltungstipp:
Präsentation der neuen Kollektion zum kaseee-­Modebrunch am 02.03.2019 im Atelier in Apolda


Website: www.kaseee.com

Steckbrief

Moderne im Blick

Drei Fakten zu Johanna Hofmann-Stirnemann (1899–1996) / Kunsthistorikerin und Kuratorin

Erstklassig — Die promovierte Kunsthistorikerin trat am 1. April 1930 als erste Museumsdirektorin Deutschlands ihre Stelle in Jena an. Hier verwirklichte sie den modernen Ausstellungsanspruch eines Stadtmuseums als „lebendige Bildungsstätte“.

Modern — Im gleichen Jahr übernahm sie die Geschäftsführung des Jenaer Kunstvereins und führte seine avantgardis­tische Tradition fort. Konsequent stellte sie Künstler der Moderne wie Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff aus.

Unangepasst — Gegen die Kulturpolitik der natio­nalsozialistischen Machthaber rebellierend, löste sie 1935 das Jenaer Arbeitsverhältnis und zog sich in die innere Emigration zurück. Nach 1945 leistete sie in Thüringen museale Aufbauarbeit, leitete sogar kommissarisch das Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar. Sich erneut gegen restriktive Kulturpolitik stellend, verließ sie die DDR 1950 in Richtung Berlin (West). Hier starb sie 1996 hochbetagt und fast vergessen.

Veranstaltungstipp:
Stadtmuseum Jena: Leuchten der Moderne. Jenaer Beleuchtungsglas in der Bauhauszeit, 27.09.2019 bis 29.03.2020


Website: www.museen-jena.de

Quiz

Spaziergänge
abseits der Linie

Denkspiele mit Stefan Peter Andres und Frank Mittelstädt / Spaziergangswissenschaftler aus Erfurt  

Was ist Promenadologie?


A)   Die wissenschaftliche Bezeichnung zur Anlage von Promenaden unter Einbeziehung der Lauferfahrung mit und ohne Schuhwerk.
B)   Die Fachbezeichnung für Spaziergangswissenschaft – definiert aus konzentriertem, multisinnlichem und bewussten Wahrnehmen der Umwelt unter Hinführung vom bloßen Sehen zum Erkennen.

Was ist ein Flaneur?


A)   Ein Liebhaber der süßen Nach­speise Flan, einer Crème caramel, die er genüsslich beim Lust wandeln verzehrt.
B)   Ein weiblicher oder männlicher Fußgänger, der mit dem wesent­lichen Blick auf das Unwesentliche, gepaart mit Profilneurose, ohne bestimmtes Ziel, langsam spaziert.

Was ist Rock ’n’ Stroll?


A)   in Ableitung aus dem Amerikanischen die Bezeichnung für einen faltbaren Babywagen (stroller) mit Schaukel- & Wiegefunktion (rock)
B)   Schlachtruf, Motto und Logo der 2013 gegründeten Initiative für urbane Spaziergänge

Kulturtipps:
Frank Mittelstädt empfiehlt, in die urbane Erfurter Gärtnergemeinschaft Lagune ein­zu­­tauchen. Sprich, aus dem Dschungel der Großstadt mitten hinein in die Oase, die vor­her vielleicht noch städtische Brache war. / Stefan Peter Andres meint: „Erkunde Deinen Erfurter Geheimtipp auf einem Spaziergang selbst! Neben- & Umwege sind ausdrücklich erlaubt!“


Websites: www.fh-erfurt.de   www.lagune-erfurt.de

 

Story

Mit weißen Handschuhen an der Wiege

Ein Museumsbesuch bei Dr. Ulrike Bestgen / Abteilungsleiterin des bauhaus museum weimar bei der Klassik Stiftung Weimar

Als Kuratorin weiß sie, ohne Baumwollhandschuhe wird ein so wertvolles Exponat nicht berührt. Gemeint ist die berühmte Bauhaus- ­Wiege, ein Lieblingsstück von Dr. Ulrike Bestgen, das mit seiner Entstehungsgeschichte beeindruckt und große Bedeutung für die Sammlung hat. Wenn sie das funktionale Design erläutert, fragt die Kuratorin gern Besucher, ob sie eigene Kinder in diese Wiege legen würden und schaut in nickende Gesichter. Einst entwarf der junge Bauhaus-Lehrling Peter Keler dieses Stück. ­ Er hat darin nicht nur die Ideen seiner Lehrer verinnerlicht, indem er das Kinderbettchen aus Grundformen und -farben zusammensetzte, sondern sich gleichzeitig eigene Erfahrungen als junger Vater für die Funktionalität zu Nutze gemacht: Er hat den Schwerpunkt so gesetzt, dass die Wiege nicht umfallen kann und sogar an eine Belüftung der Liegefläche gedacht. Die Freude der Kunsthistorikerin über dieses schöne Ausstellungsstück leuchtet ihr bei jedem Wort aus den Augen, ist es doch ein Schlüsselobjekt der neuen Ausstellung. Auf drei Ebenen mit über 1.600 Quadratmetern und rund 1.000 Exponaten – darunter bedeutende Designikonen des 20. Jahr­hunderts – wird die Geschichte der Anfänge des Bauhauses (1919-1925) bis hin zur weltweiten Nachwirkung heute erzählt. Ein Team aus Architekten, Gestaltern und Designern hat ein erlebbares Museums­konzept aus Experimenten und hochaktuellen Fragestellungen kongenial umgesetzt. Der Besucher wird selbst zum Schüler des Bauhauses, darf die Ideen mit eigenen Händen ausprobieren und umsetzen. Zudem nimmt der Begründer der revolutionären Kunst- und Designhochschule Walter Gropius die Besucher selbst an die Hand, denn seine zentrale Fragestellung „Wie wollen wir zusammenleben?“ schwingt in jedem Raum mit. Mit seinem Musterhaus Am Horn stellte das Staatliche Bauhaus Weimar schon 1923 seine Vision vom Haus der Zukunft vor. Auch die abstrakte Raumskulptur des Museumsneubaues ist solch ein Fingerzeig. Dr. Ulrike Bestgen hat als Projektleiterin der Ausstellungsplanung mit Kunstverstand und Leidenschaft das Projekt von Anfang an vorangetrieben, um das Ge­burts­tagskind pünktlich zu seinem 100. Jubiläum aus der Taufe zu heben, denn sie weiß: Die Wiege des Bauhauses steht in Weimar!

Veranstaltungstipps:  
Das Bauhaus-Jubiläum bündelt im April einen bunten Geburtstagsstrauß aus Veranstaltungen, wie dem großen Festumzug anlässlich des ersten Arbeitstages von Walter Gropius (1. April), einer Ballett-Uraufführung am DNT (6. April), dem Bauhaus-Fest der Weimarer Hochschulen (12. April) oder dem Bauhaus-Marathon (28. April).


Website: www.weimar.de/bauhaus


Auflösung Quiz: 1B, 2B, 3B